von
Don Machholz (übersetzt von Christoph Rollwagen)
Als ich am Freitag, den 27. August 2004 um 03:20 Uhr in der Frühe
- 3 Stunden früher als gewöhnlich - aufstand, wusste
ich, was ich tun wollte. Dieser Morgen schien mir eine seltene
Gelegenheit für die Kometenjagd zu bieten. Ich besitze ein
selbst gebautes Observatorium 30 Mater von meinem Haus entfernt.
Hier führe ich die meisten Beobachtungen durch. Darin befinden
sich mein 10-Zoll-Spiegelteleskop (mit dem ich bereits 4 Kometen
entdeckt habe), ein 5-Zoll Fernglas (4 Kometen) und ein unmontierter
handgefertigter 5-Zoll Refraktor, der zurzeit in der Ecke steht
(1 Komet). Das große Spiegelteleskop und das Fernglas habe
ich schon in den vorherigen Augusttagen benutzt, um am Morgenhimmel
nach Kometen Ausschau zu halten. Diesmal nutze ich ein anderes
Instrument von der hinteren Terrasse meines Hauses aus, um den
südlichen Himmel überschauen zu können.
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| Don
Machholz |
| 6-Zoll
f/8 Criterion Dynascope Spiegelteleskop |
Das
Teleskop für die morgendliche Beobachtung war ein 6-Zoll
f/8 Criterion Dynascope Spiegelteleskop, das ich zu Weihnachten
1968 gekauft hatte. Damals kostete es 200 US-Dollar. Dieses Teleskop
zeichnet sich durch besonders gute Optiken aus - der Hauptspiegel
besitzt noch immer seine ursprüngliche Vergütung. Dieses
Teleskop, das als einziges einen Antrieb besitzt, nutze ich vor
allem für öffentliche und private Star Partys, die ich
jedes Jahr veranstalte. Das Okular, das ich an jenem Morgen benutzte,
hat einen äußeren Durchmesser von 2 Zoll. Ich habe
es angepasst, so dass es über den Okularauszug passt und
ein Sichtfeld von 1,8 Grad liefert. Die Vergrößerung
liegt ungefähr beim Faktor 35. Häufig nutze ich diese
Kombination um Interessierten die Galaxie M24 auf Star Partys
an dunklen Orten zu präsentieren. Manchmal schwärmen
unsere Gäste, dass dies das schönste ist, was sie in
der ganzen Nacht gesehen haben. Zudem nutze ich diese Zusammenstellung
für die Durchführung des Messier-Marathons. Beim letzten
Versuch im Frühling 2004 in Südkalifornien konnte ich
so alle 110 Objekte aus dem Gedächtnis auffinden. Diese leistungsstarke
Kombination aus Teleskop und Okular ist für mich sehr komfortabel.
Ich war bereits zwei Tage zuvor früh aufgestanden, um die
erste Hälfte des südlichen Himmels abzusuchen, nun kam
ich wieder, um diese Aufgabe fortzusetzen.
Nachdem ich die US-amerikanische Flagge aus ihrer Verankerung
an der Ecke meines Observatoriums genommen und sie gegen das Geländer
gelehnt hatte, war die Sicht auf den morgendlichen Himmel frei.
Ich begann meine Beobachtung um 03:35 Uhr in der Frühe an
der Stelle des Himmels, an der ich zwei Tage zuvor aufgehört
hatte. Mit einer Augenklappe über meinem linken Auge sah
ich mit dem rechten in das Okular und schwenkte langsam in Richtung
des südlichen Horizontes über den dunklen Himmel. Wenn
ich am Horizont angekommen war, bewegte ich das Teleskop wieder
zur ursprüngliche Position, dann etwas ostwärts und
mit dem Blickfeld erneut in Richtung Horizont. In diesem Gebiet
gibt es zahlreiche Galaxien, von denen ich einige erkannt habe:
NGC 1316, 1398, 1395, 1399, 1404 und den Planetaren Nebel NGC
1360, den ich 1977 irrtümlicher Weise als mögliche Kometenentdeckung
gemeldet hatte. Jedes dieser Objekte könnte auf den ersten
Blick auch die schwache Koma eines blassen Kometen sein. Mit meinem
Himmelsatlas, den ich an diesem Morgen bei mir trug, überprüfte
ich die Gestalt jedes dieser Objekte. In diesen Karten sind die
meisten Galaxien und Nebel verzeichnet, auf die ich bei der Kometenjagd
stoße.
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| Don
Machholz |
| Himmelsposition
auf der Sternenkarte |
Um
04:12 Uhr traf ich auf ein eher kleines, schwaches nebliges Objekt.
Ich sah genauer hin, um zu erkennen, ob es sich um einen Doppelstern
oder eine kleine nah beieinander stehende Sternengruppe handelte,
die einfach etwas verwaschen erschienen. Da jedoch war nicht der
Fall. Ich griff nach meiner Sternenkarte, um nachzusehen, ob es
in dieser Region bekannte Galaxien oder Nebel gibt. Ich brauchte
einige Minuten, um anhand der Sternenkarte exakt zu bestimmen,
wo am Himmel ich mich mit meinem Sichtfeld befand. Der Himmelsatlas
wies für die Region nichts aus.
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| Don
Machholz |
| Himmelsposition
im Uranometria 2000.0 |
In
meinem Observatorium befand sich ein noch detaillierterer Uranometria
2000 Atlas, ich zusammen mit unserem Hund Shadow holen ging. Auch
dieser zeigte in der betreffenden Himmelsregion kein Objekt. Ich
markierte die Position in der Karte mit Datum und Zeit. Zudem
fertigte eine Zeichnung des Gebietes an, die die Position des
Kometen in Relation zu den umgebenden Sternen zeigt. Wenn es sich
bei dem beobachteten Objekt um einen Kometen gehandelt haben sollte,
so hätte dieser eine Ortsveränderung innerhalb der nächsten
Stunde gezeigt. Die genaue Zeichnung würde mir also bei der
Bestimmung der Ortsveränderung und der Bewegungsrichtung
behilflich sein. Die Zeichnung zeigt die Ansicht in meinem Teleskop,
Süden ist also oben.
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| Don
Machholz |
| Zeichnung
der beobachteten Position |
Eine
noch detailliertere Sternenkarte befindet sich auf dem Computer
in meinem Haus. Der Hund, der mir überallhin folgt, und ich
gingen hinein. Ich schaltete den Computer ein, um mit dem Programm
The Sky noch lichtschwächere Objekte auszumachen. Das Programm
zeigte im betreffenden Gebiet einige Sterne der 15. Größenklasse
- zu schwach, um von mir erkannt zu werden.
Ich vermutete, dass es sich bei dem von mir beobachteten Objekt
um einen schon bekannten Kometen handeln könnte. Es kommt
häufig zu Beobachtungen von nur kurz zuvor entdeckten Kometen,
möglicherweise handelte es sich auch hierbei um ein solches
Objekt. Auf der Internetseite, die solche Kometen veröffentlicht

,
vergewisserte ich mich, doch auch hier war kein Komet innerhalb
des von mir beobachteten Himmelsareals aufgezeigt. Die Uhr zeigte
nunmehr 04:37. Ich hatte das Objekt erstmal 25 Minuten zuvor beobachtet.
Bis zur anbrechenden Morgendämmerung, die jede weitere Beobachtung
unmöglich machen würde, sollten noch 40 Minuten vergehen.
Ich ging also hinüber zum Observatorium und entpackte meinen
10-Zoll Spiegelteleskop. Bei 64facher Vergrößerung
konnte ich das Objekt recht schnell wieder auffinden. Dass das
Objekt erschien hier neblig und rund. Anhand der näheren
Sterne erschien es, als hätte sich das Objekt zwischenzeitlich
ein Stück weit bewegt. Ich entpackte nun auch mein selbst
gebautes Kometen-Fernglas und untersuchte den frischen Kometen.
In diesem Instrument war der verwaschene Fleck zwar sichtbar,
allerdings nur sehr schwer zu erkennen.
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| Don
Machholz |
| Don
Machholz mit seinem Spiegelteleskop |
Ich
ging danach zurück ins Haus und versuchte meine Familie zu
wecken. Meine Frau wollte um diese Zeit Ihr Bett nicht verlassen,
um sich das Objekt anzusehen. Auch meine beiden Söhne waren
zu müde um wach zu werden. Als ich wieder hinausging, gesellte
sich meine Frau doch noch zu mir und versuchte den Kometen zu
erkennen. Aufgrund der schwachen Sichtbarkeit konnte sie das Objekt
jedoch nur sehr schlecht ausmachen.
Ich ging zurück ins Haus und begann den Bericht über
die Beobachtung eines bislang unbekannten Kometen an das Smithsonian
Astrophysical Observatory’s Central Bureau for Astronomical
Telegrams (CBAT) zu schreiben, um die erwartete Bestätigung
und Anerkennung der Entdeckung zu erhalten. Das CBAT ist die zentrale
Anlaufstelle für Veröffentlichungen neu entdeckter Kometen.
Danach vergewisserte ich mich auf der WebSite http://scully.harvard.edu/~cgi/SkyCoverage.html

,
ob dieser Himmelsbereich bereits von automatisierten Suchprogrammen
untersucht worden ist. Auch dies war nicht der Fall. Seit einigen
Jahren gibt es eine zunehmende Anzahl von automatisierten Teleskopen,
die durch die US-Regierung finanziell unterstützt werden
und den Himmel nach Asteroiden und Kometen durchmustern, die eines
Tages eine Gefahr für die Erde darstellen könnten. Im
Laufe der nächtlichen automatischen Suchprogramme nehmen
diese Instrumente viele der Kometen auf, die normalerweise von
Amateurastronomen entdeckt werden würden. Die Kometen werden
dann nach den Programmen benannt, die die Objekte aufspüren:
LINEAR, NEAT, LONEOS, Spacewatch, Catalina. Hierbei werden vor
allem Himmelsbereiche durchsucht, die sich fernab der Sonne befinden.
Durchmusterte Regionen werden im Internet veröffentlicht.
Als ob das nicht genug wäre, deckt eine Raumsonde namens
SOHO das die Sonne umgebende Himmelsareal durch nahezu ständige
Beobachtungen ab. Die regelmäßig angefertigten Bilder
werden im Internet veröffentlicht und jeder Betrachter hat
die Möglichkeit hier gegebenenfalls abgebildete (für
gewöhnlich) winzige Kometen zu entdecken, während diese
sich der Sonne annähern und teilweise vollständig verdampfen.
Diese Kometen tragen dann den Namen SOHO. Die Raumsonde SOHO trägt
zudem ein Kamerasystem namens SWAN mit sich, das den Rest des
Himmels überwacht. Auch dieses System hat in der Vergangenheit
Kometen entdeckt.
Mit dem Aufkommen solcher Suchprogramme haben viele Amateure die
visuelle Jagd nach neuen Kometen aufgegeben. Manche sind dazu
übergegangen, an Teleskope angebrachte CCD-Detektoren einzusetzen,
die in kleinen Himmelsbereichen auch noch sehr schwache Objekte
erspähen können. Solche Amateure versuchen mit eigenen
Mitteln automatische Suchprogramme zu schlagen. Ich habe meine
visuelle Suche ohne Unterbrechung fortgesetzt. Pro Monat investiere
ich mindestens eine Stunde oder mehr, seitdem ich mit der Kometenjagd
am 1. Januar 1975 begann. In der Vergangenheit habe ich bis zu
553 Stunden im Jahr mit der Suche verbracht, derzeit sind es noch
ungefähr 100 Stunden. Hierbei konzentriere ich mich auf Bereiche
des Himmels die am wahrscheinlichsten unentdeckte Kometen beherbergen.
Die dem zugrunde liegende Vermutung basiert auf vielen Faktoren,
einschließlich der Information, welche Bereiche bereits
von automatischen Systemen durchsucht worden sind.
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| Don
Machholz |
| Dämmerung
am Beobachtungsort |
Kurz
nach 5 Uhr morgens befand ich mich wieder draußen am 10-Zoll-Teleskop,
um die Helligkeit, die Größe und die Form des Kometen
einzuschätzen. Er besaß keinen Schweif. Er zeigte eine
Bewegung in östliche Richtung und möglicherweise, so
erschien es mir jedenfalls, auch etwas in nördliche Richtung.
Später erfuhr ich, dass seine tatsächliche nach berechnete
Bewegung den Kometen 20 Bogenminuten (ein Drittel Grad) pro Tag
in östliche und leicht südliche Richtung führte.
Innerhalb einer Stunde hatte sich der Komet also nur weniger als
eine Bogenminute weit fortbewegt, ein sehr kleiner Wert. Letztlich
verlor ich dem Kometen durch das Einbrechen der Morgendämmerung
aus den Augen, so ging ich ins Haus um den Bericht zu versenden.
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| P.
Birtwhistle |
| Komet
C/2004 Q2 (Machholz) am 28. August 2004 um 03h43 UT, Koma-
Durchmesser ca. 70", Schweif ca. 5 Bogenminuten,
2x 30 Sekunden belichtet, Norden ist oben, Optik: 300mm
f/6,3 Schmidt- Cassegrain + CCD |
Seit
meinem letzten Fund vor fast 10 Jahren (meinem neunten Kometen)
verbrachte ich 1457,25 Stunden mit der visuellen Suche. (Meine
unabhängige Entdeckung des periodischen Kometen de Vico am
18. September 1995 wurde nicht berücksichtigt und trägt
somit nicht meinen Namen.) Insgesamt habe ich bisher 7046,25 Stunden
mit der Kometenjagd verbracht.
Ich verfasste die E-Mail und sendete sie an das Central Bureau
for Astronomical Telegrams (CBAT). Die gleiche Nachricht schickte
ich ihnen danach auch per Fax zu. Mit einem Anruf bestätigte
ich mir, dass die Nachricht dort eingegangen war. Danach machte
ich mich fertig, um zur Arbeit zu gehen. Ich arbeite als Forschungs-
und Entwicklungstechniker bei Coherent, einem Laser- und Optikhersteller
und zudem als Immobilienmakler.
Sechs Stunden später informierte mich Dan Green vom CBAT,
dass die Kometenentdeckung durch Sichtungen von Robert McNaught
und G. Garradd bestätigt worden war. Der Komet erhielt die
Bezeichnung C/2004 Q2, am nächsten Tag wurde der Name Machholz
hinzugefügt.